Parallele Gerichtsbarkeiten im Mittelalter

Das Amtsgericht Bünde im Jahr 1945
Die Gerichtsbarkeit im Raum Bünde wurde lange Zeit zweigleisig ausgeübt. Der Grund dafür war ein über mehrere Jahrhunderte währender Kampf um die politische Vormachtstellung zwischen dem lippischen Fürstentum und dem Bischof von Osnabrück.

Bereits 1285 errichteten die Edelherren zur Lippe in Bünde ein Ortsgericht. In vielen alten Urkunden wird bezeugt, dass diese in Bünde und der näheren Umgebung die Blutsgerichtsbarkeit, das heißt die höchste Gerichtsbarkeit besessen und ausgeübt haben. Der Ursprung des Gerichts ist nicht nachweisbar, es ist den Lippern nie verliehen worden. Wahrscheinlich haben sie das Gericht selbstherrlich entwickelt bzw. gesetzt.

Daneben bestand das angestammte Gogericht des Bischofs von Osnabrück (Go: Mittelalterlicher Begriff für Verwaltungs- und Gerichtsbezirk). Nachdem das Bünder Land - außer Bünde selbst und dem Kloster Quernheim, wo allein die Lipper zu Gericht saßen,- zunächst zum Sprengel des Gogerichts Melle gehört hatte, errichtete der Bischof etwa 1352 ein eigenes Gogericht Bünde. Dieses hatte seinen Sitz zunächst in der bei Bünde gelegenen Ortschaft Dreyen.

In die politischen Machtkämpfe in der Region Bünde schalteten sich im 16. Jahrhundert die in Bielefeld ansässigen Grafen zu Ravensberg ein, indem sie die durch Verschuldung und verlorene Kriege geschwächten Lipper mehr und mehr verdrängten. Mit ihrer Hilfe verlegte der Bischof von Osnabrück sein Gogericht in den Ort Bünde selbst, obwohl dieses dort gar nicht zuständig war, und überließ es 1545 den Ravensbergern als Tauschobjekt. Diese setzten sich bald vollends gegen die Lipper durch.

Französische und preußische Reformen

Amtsgericht in den 50er Jahren Das Amtsgericht in den 50er Jahren
Schwarzweißfoto des alten Amtsgerichts aus den 50er Jahren

Aufgrund nicht nachlassender politischer Rivalitäten und Unruhen verlor Bünde - und damit auch sein Gericht - in der Folgezeit immer mehr an Bedeutung.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert war es sogar so weit gekommen , dass die Rechtsprechung in der unteren Instanz durch die Grundbesitzer erfolgte! Dieser Zustand wurde durch die Franzosen beendet, indem sie nach 1806 in Bünde ein Friedensgericht einsetzten.


Nach dem Ende der Herrschaft Napoleons wurde in Preußen eine tiefgreifende Umorganisation von Verwaltung und Justiz vorgenommen. Die Provinz Westfalen wurde gegründet, und 1816 wurde das Friedensgericht in ein Stadt - und Landgericht umgewandelt. Sein Jurisdiktionssprengel erstreckte sich über die alten Kirchspiele Bünde, Enger, Spenge, Wallenbrück, Rödinghausen und Hiddenhausen, während für die Ortschaften Quernheim, Mennighüffen und Kirchlengern das Stadt- und Landgericht Quernheim zuständig war.


Als sich die Hoffnungen, die man auf die Erhebung Bündes zum Hauptort eines Kreises gesetzt hatte, nicht erfüllten, wurde der Kreis Bünde 1832 aufgehoben und mit dem Kreis Herford vereinigt. Das Stadt- und Landgericht verblieb einstweilen noch in Bünde und wurde sogar dadurch vergrößert, dass das Landgericht Quernheim mit ihm vereinigt wurde. 1849 aber wurde es nach Herford als Kreisgericht verlegt, was man damals in Bünde als sehr schmerzlich empfand, mussten doch plötzlich 12 Beamtenfamilien Bünde verlassen. In Bünde blieb nur eine "Gerichtsdeputation" zurück.

Sie wurde 1879 zum Amtsgericht erhoben. Dessen Bezirk wurde auf die Orte Bünde, Kirchlengern und Rödinghausen beschränkt.Das Gericht war seit 1815 zunächst in zwei (!) angemieteten Räumen in einem durch die Stadt Bünde erworbenen Haus in der Eschstraße untergebracht. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass die Verhältnisse dort sehr beengt waren. So wurden benachbarte Räume und 1825 schließlich das ganze Haus angemietet.

Zeitgleich mit der Gründung des Amtsgerichts -also 1879- wurde ein Gefängnis angebaut, da es als nicht mehr tragbar angesehen wurde, dass die Gefangenen in der Wohnung des Gerichtsdieners verwahrt wurden.
Zum Ende des Jahrhunderts war aber das ganze Justizgebäude zu klein. So wurde -nachdem die lange Zeit ungeklärte Frage der Finanzierung eines Neubaus fast dazu geführt hätte, dass Bünde sein Gericht verliert,- 1897-1899 das jetzige Gebäude nebst einem angeschlossenen Gefängnis an der Hangbaumstraße 19 errichtet, das am 1.4.1900 bezogen wurde.

Das heutige Amtsgericht

Amtsgerichtsgebäude vom Hof aus gesehen1

Aber auch im 20. Jahrhundert ließ das Problem des Platzmangels dem Amtsgericht Bünde keine Ruhe. Dem wurde zunächst dadurch abgeholfen, dass das Gebäude 1957 um ein Stockwerk erweitert wurde. Mit dieser Erweiterung ging eine optische Veränderung einher, die dem Stil der fünfziger Jahre entsprach: Aus dem roten Backsteinhaus wurde ein weißer, quaderförmiger Bau. Auch im Inneren wurden Anpassungen an den seinerzeit vorherrschenden Geschmack vorgenommen, indem die Gewölbedecken auf den Fluren mit wellenförmigen Kunststoffdecken zugehängt wurden; eine Maßnahme, die bereits in einem Baubesichtigungsprotokoll des Landgerichts Bielefeld vom 10.5.1957 als "wenig glückliche Lösung" bezeichnet wurde, die dem Amtsgericht aber rund vier Jahrzehnte erhalten blieb.

Da nicht nur das Amtsgericht, sondern auch das Gefängnis erweiterungsbedürftig war, wurde 1965 das benachbarte Haus Hangbaumstraße 17, eine 1898 erbaute spätwilhelminische Villa, gekauft. Jedoch kam es nie zu einer Erweiterung des Gefängnisses, vielmehr wurde dieses 1970 geschlossen, so dass der neu erworbene Besitz zunächst vermietet, das Gefängnis aber -da es wegen der kleinen Zellen vom Amtsgericht nicht genutzt werden konnte- abgerissen wurde.Mit der Auflösung der Erdgeschosswohnung des Hauses Hangbaumstraße 17 und deren Nutzung als Büroräume erhielt das Amtsgericht 1980 seine Nebenstelle.

 

Wie ein roter Faden zog sich der Raummangel durch die Geschichte des Amtsgerichts, und so wurde ab 1995 auch das Obergeschoss des Nebengebäudes nicht mehr als Wohnung, sondern für Dienstzwecke genutzt.In den Jahren 1998/1999 erfuhr das Amtsgericht Bünde umfangreiche Renovierungsarbeiten. Altes wurde wiederentdeckt - man entfernte die wellenförmigen Kunststoffdecken und restaurierte die Gewölbedecken. Die Baumaßnahme dienten nicht zuletzt der Vollausstattung mit moderner Informationstechnik, die im Jahr 2001 vollendet wurde.

Ende Januar 2010 wurde mit den Arbeiten zur Errichtung eines Anbaus an das Hauptgebäude des Amtsgerichts begonnen. Mit dessen Fertigstellung 2011 wurden die Büroräume in der Nebenstelle Hangbaumstraße 17 aufgelöst. Seitdem sind zum Vorteil von Besuchern und Bediensteten nicht nur alle Räumlichkeiten des Gerichts unter einem Dach untergebracht, sondern das Amtsgericht verfügt auch über eine Sicherheitsschleuse und ist nun endlich barrierefrei.

Zum Schluss noch einige Zahlen
 1900195020002018
Einwohnerzahl des Bezirks 29142 58949 70524 73860
Zahl der Beschäftigten 11 23 51 39

Bilder des Neubaus 2010